Gleitschirmfliegen ist noch eine recht junge Sportart. Dementsprechend dynamisch verläuft die Entwicklung der Geräte. In erster Linie entwickelt sich das Verhältnis von passiver Sicherheit und Gleitvermögen in ruhiger Luft, daneben verbessern sich auch die weniger messbaren Parameter wie Steigverhalten und Handling oder Flugkomfort ständig.

So kann heute ein Pilot bei einem entspannten Flug mit einem EN / LTF A oder B Flügel ähnliche Leistungen erzielen, wie noch vor 10 Jahren nur ein routinierter Wettkampfpilot mit aussergewöhnlicher Anstrengung und Anspannung.

Dennoch schreitet die Entwicklung eher in vielen kleinen, als in wenigen grossen Schritten voran, auch wenn das Marketing, Gerüchte und die Fliegerforen zuweilen anderes glauben machen wollen.

Neu oder gebraucht?

Ein gebrauchter Gleitschirm ist oft eine gute Wahl, denn Qualität und Material gewährleisten in der Regel eine Lebensdauer und gute Flugeigenschaften über viele Jahre. Zudem gibt es beim gebrauchten Schirm meist viele wertvolle Erfahrungswerte, und bewährtes bewahrt seine Werte auch über einige Zeit.

Oberste Priorität hat immer die Abstimmung mit deiner Flugtechnik, deiner Erfahrung, deinem aktuellen Trainingszustand und deiner mentalen Disposition. Auch an einem gebrauchten Schirm hast du maximale Freude, wenn er perfekt zu dir passt. Wichtig sind zudem der richtige Gewichtsbereich und ein aktueller Check.

Wenn die persönliche Liquidität keine Rolle spielt, kann man mit einem Neugerät natürlich von den aktuellsten Entwicklungen profitieren. Dies ist u.a. das inzwischen deutlich reduzierten Gewicht, in den höheren Schirmlassen (s.u.) sind es auch die Performance-Parameter. Weitere Vorteile: die Wahl des Designs oder die Möglichkeit von Sonderfarben.

gemeinsam fliegen 20180512 085 540Die Leinen

Wenige und dünne Leinen wirken sich positiv auf den Luftwiderstand aus. Die Leinen-Geometrie ist entscheidend für die Flugstabilität, die Profiltreue und das Klappverhalten des Schirmes. Da sich der Luftwiderstand nur bei hoher Geschwindigkeit deutlich bemerkbar macht, ist eine gute Abstimmung zwischen Haltbarkeit, Dehnungs- bzw. Schrumpf-Stabilität, Sortierbarkeit und dem jeweiligen Einsatzbereich entscheidend.

Bewährt hat sich eine Standard-Beleinung mit 3 Leinenebenen und 3 dickeren Stammleinen pro Ebene mit etwas dünneren Galerieleinen. Eine gute Lösung für hohe passive Sicherheit, Flugstabilität und Gleitleistung bei moderaten Geschwindigkeiten. Für Wettkampforientierte Kilometerfresser bietet neben den gravierenden Nachteilen eine sparsame und dünne Beleinung eine geringfügig bessere Gleitleistung bei Maximalgeschwindigkeit.gemeinsam fliegen 180725 001 540

Die EN / LTF Einstufung

Um ein wenig Übersicht in die Anforderungen an den Piloten zu bringen, haben die Gleitschirmverbände die sog. Schirmklassen nach EN / LTF entwickelt. Danach sind die Gleitschirme in vier bzw. fünf Kategorien eingeteilt: A, B, C, D und die Competition-Class. Daneben gibt es eine sog. offene Klasse.

Die Geräte der Klassen A-D bzw. CC durchlaufen ein Zulassungsverfahren u.a. mit Testflügen. Das Verhalten bei den Standardmanövern und in bestimmten Extremflugzuständen bestimmt die Einstufung in die jeweilige Klasse. Die Klasse B hat dabei den grössten Spielraum, weshalb sich die Geräte der Klasse gravierend in den Flugeigenschaften und im Anspruch an den Piloten unterscheiden. Die nachfolgende Grafik veranschaulicht die Zusammenhänge zwischen Pilotenanspruch und Schirmklasse sowie möglichem Leistungspotential.

ltf klassen 540Konstruktionsmerkmale

Die einzelnen Konstruktionsmerkmale bestimmen entscheidend die Flugeigenschaften und die Qualität deines Gleitschirms. Jedes Feature, auch wenn es noch so viel versprechend klingt, kann aber erst im Zusammenspiel mit einer ausgewogenen und ausgereiften Gesamtkonstruktion seine Stärken entwickeln, per se bietet es dem dem Piloten zunächst wenig Vorteil. Dies gilt insbesondere für das Material und die Geometrie der Beleinung, aber auch für die Konstruktion der Eintrittskante, das Innenleben des Flügels und die verschiedensten Maßnahmen zur Verbesserung der Profiltreue.

Gewichtsbereich

Gleitschirme haben genau wie alle anderen Fluggeräte einen bestimmten Bereich optimaler Flächenbelastung. Entsprechend haben Schirme für wenig Fluggewicht (Pilot(in) + Gurtzeug + Kleidung + Packsack + Zubehör usw.) kleinere Segelflächen, als Schirme für hohes Fluggewicht.

Man unterscheidet dabei zwischen ausgelegter und projizierter Fläche. Letzte kannst du dir wie den Schattenwurf des Schirmes vorstellen, wenn die Sonne genau darüber steht. Die projizierte Fläche ist wegen der Schirmkrümmung immer deutlich geringer, als die ausgelegte, jedoch die für den Auftrieb und die Flächenbelastung entscheidende Größe. Die meisten Hersteller unterscheiden Gewichtsbereiche von XS-L oder XL, wobei die Gewichtsbereiche der jeweiligen Schirmgrößen von Hersteller zu Hersteller variieren. Der Gleitschirm ist in Deutschland nur innerhalb des angegebenen Gewichtsbereichs zugelassen, denn ausserhalb der angegebenen Grenzen ändern sich die Flugeigenschaften oft markant.

Sicherheit

Die EN/LTF Einstufung gilt als grober Anhaltspunkt für die sog. passive Sicherheit, d.h. z.B. das Vermögen eines Flügels, nach einer Störung wieder selbständig in den Normalflug über zu gehen. Im Testflug provozierte Norm-Einklapper haben aber mit der tatsächlichen Flugpraxis thermischer Turbulenzen nur bedingt etwas zu tun. Eine etwas präzisere Aussage über die passive Sicherheit geben die DHV-Safety-Tests, auch wenn sie ihre Schwächen haben.

Grundsätzlich gilt aber: Jedes Gerät ist so sicher, wie der Pilot damit umgeht. Solange das eigene fliegerische Können und der aktuelle (!) persönliche Trainingszustand über der maximalen Anforderung des Gerätes bei gegebenen Bedingungen bleiben, ist alles gut. Übersteigt der maximale (!) Anspruch des Gerätes aber das Potential des Piloten, wird es sehr schnell sehr gefährlich.gemeinsam fliegen 20180406 085 540 2

Erlebnis und persönlicher Gewinn

Fliegen ist dein Hobby, vielleicht noch viel mehr, deine Leidenschaft. Fliegen ist eines der intensivsten und schönsten Erlebnisse, die es gibt. Dabei hat jede Spielart ihre gleiche Berechtigung und Faszination, der Abgleiter über den bunten Herbstwald, das Turnen in der Luft mit Kunstflugfiguren, sanftes Soaring, Aufdrehen in der Thermik oder Streckenfliegen.

Genuss und persönlicher Gewinn ist das Fliegen immer dann, wenn du eins wirst mit deinem Gerät und den Kräften der Natur, wenn du dich in jeder Situation wohl fühlst, und wenn du immer etwas mehr maximal leisten kannst, als die Bedingungen und dein Gleitschirm von dir fordern.gemeinsam fliegen 181007 001 540

»Leistung« und Anspruch an den Piloten

Der Begriff "Leistung" wird im Zusammenhang mit dem Gleitschirm meist vollkommen falsch definiert. Denn ein Gleitschirm "hat" keine Leistung, er kann sie nur zusammen mit der Pilotin / dem Piloten entwickeln. Ein Flügel gibt aber dem Piloten die Möglichkeit, sein persönliches fliegerisches Können im Zusammenspiel mit den Flugbedingungen und dem Fluggelände zu entfalten. Im besten Falle maximal. Sehr Oft kann man aber genau das Gegenteil beobachten: der Flügel verhindert Leistung, weil das Gerät den Piloten überfordert.

Je besser Pilot und Schirm zusammen harmonieren, desto höher ist die "Leistung" im Zusammenspiel. Oft erreicht ein Pilot mit einem Flügel, der in allen Situationen entspanntes Fliegen ermöglicht,  viel schneller und besser seine persönlichen Ziele, als mit einem anderen Gerät, das zwar ein höheres theoretisches Potential bietet, aber den Piloten unnötig fordert.

Grundsätzlich gilt: je höher die Klassifizierung, desto höher ist der Anspruch an den Piloten an Flugtechnik, Erfahrung, Trainingszustand, physisch und mental.

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